Von Gerechtigkeit und davon, was manche dafür halten

Als meinem Banknachbar in der sechsten Klasse eine Fünf in Betragen drohte, bin ich aufgestanden. Warum? Weil nicht er es war, der gequasselt hatte. Als meine beste Freundin vor der gesamten Klasse für eine vermeintlich politisch inkorrekte Aussage niedergemacht wurde, hab' ich den Klassenlehrer angebrüllt, er solle aufhören. Warum? Weil die politische Aussage einer Zwölfjährigen die Aussage eines Mädchens war, das Ulbricht nur deshalb cooler als Honecker fand, weil ihre erste Schule nach Walter benannt war.

Das war weder mutig. Noch revolutionär. Wohl aber einem Gerechtigkeitssinn geschuldet. Einem, der Taten erfordert. Mitunter auch nur tröstende Worte.

Was ich heute Abend im Ersten gesehen habe, macht mich dagegen ausgesprochen wütend. Mehrfach. Die prügelnden Polizisten am Anfang. Die mit ihren Schlagstöcken wahllos unbewaffnete Demonstranten niederknüppeln. Die irren Fanatiker am Ende. Denen kein Menschenleben irgendetwas zählt.

APO. 68er. RAF. BRD. POST-NAZIDEUTSCHLAND.


Rebellion. Revolution. Mord.

Mord. Etwas anderes kann ich darin nicht entdecken. Keinen Grund finden, der es rechtfertigt, dass Lieschen Müller sich um ihre Tochter sorgen muss, die bei Springer die Büroflure saugt. Keinen, der es rechtfertigt, Autos zu stehlen. Sprengsätze zu deponieren. Ganz gleich, wo.

"Polizisten sind keine Menschen. Mit denen reden wir nicht", lässt Uli Eder Martina Gedeck alias Ulrike Meinhof in ihre Schreibmaschine tippen. "Juden sind Menschen zweiter Klasse. Bei denen kaufen wir nicht." Wo ist der Unterschied?

Sie brüllen einander an. Halten sich gegenseitig Knarren an den Kopf. Beschwören Mao Tse-Tung. Äffen nach. Wie in einer Sekte wird jeder Widerspruch niedergeschrien. Der Fanatismus scheint ihnen aus der Hand gerissen zu haben, was ihnen möglicherweise zu Beginn ihrer Proteste eine Revolution wert war: Ein neues Menschenbild zu schaffen. Geblieben ist der Ekel vor sich selbst. Denn das, was sie der Generation ihrer Eltern und Großeltern vorwarfen, hat sie eingeholt. Verachtung. Verachtung - das war wohl alles, was sie für die Menschen am Ende übrig hatten. Für die Menschen. Und für sich selbst.

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