Eine erste Überraschung. Denn fast ein Dutzend leere Flaschen auf den hellen Holztischen im Aufenthaltsraum verraten eine lange Nacht. In der Küche am einen Ende des Raumes spült ein Asiate notdürftig Tupperschalen. In der am anderen Ende wird Kaffee gekocht. Draußen auf dem Balkon sitzt - nun, nennen wir ihn Boris - Boris. "Priwjet", sagt er. Und ich: "Prost". Warum? Weil ich den russischen Gruß nicht verstehe. Akustisch nicht verstehe. Er klingt: wie ein Rülpser. Boris nimmt es nicht übel. Versteht Prost wohl auf seine Weise und hebt die Tasse an die Lippen. Jeden Morgen und jeden Abend sitze er hier, sagt er. Wenn der Tag erwacht und der Abend kommt. Hat die deutsche Sprache studiert und Projekte laufen in Österreich und der Schweiz. Der Dämmerungsschauer Boris. "Heute letztes Mal. Zurück nach Russia." Ob ich Russin sei, will Boris wissen. Nee. Wie er darauf komme? "You're looking like a Russian", sagt er. Und zeichnet mit seinem Zeigefinger ein ovales, ja fast rundes Gesicht. Ich sehe russisch aus. Überraschung Nummero zwei.
Dort, wohin es mich anschließend führt, weiß niemand vom Grund meiner Ankunft. Überraschung Nummer drei. Und eine, die mich fast aus der Fassung bringt. Knapp 800 Kilometer gen Süden geflogen, und dann wird die Erwartung augehebelt von der Realität. Das lässt sich im Laufe des Tages wieder angleichen. Doch die Überraschungen gehen weiter. November 2009. Freiburg. Universitätsstraße:
Flammkuchen. Draußen. Bei 17 Grad und Sonne.
Und iPhones, wohin die Ohren hören. Hochtechnologisiertes Baden-Württemberg. Die Dame in ordinärer schwarzer Hose, die an einer Zigarettenspitze nuckelt, darf als Gegenstück nicht unerwähnt bleiben. Ich lerne auf einer 2000-Mann-starken Studentendemo den Bürgermeister kennen. Und einen Kollegen am Glühweinstand. Trotte durch den milden Abendwind der für heute wohl letzten Überraschung entgegen: einem Lahmacun. "Der nie ohne Fleisch - nie!" "Ja, aber das gibt's doch ohne?!" Die zweite Tupperschale an diesem Tag. Hackfleischpastete is eben immer im Lahmacun. Auch, wenn man den ohne Dönerfleisch bestellt.
Solche Verständigungsprobleme hatten Boris und ich schon nach wenigen Sekunden ausgeräumt. Wem missfällt es schon, den Morgen in stillem Alleinsein zu begrüßen.
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